Ein Korbinian-Apfelbaum für die LG: Pflanzaktion des BUND und der 10Ea

Ziel des Projektes ist es, „markante Orte zu schaffen, an denen Apfelbäume auf das Glück hinweisen, dass jede/r in diesem Land seine Meinung frei äußern darf. Apfelbäume können hundert Jahre alt werden, insofern ist hier an eine langfristige ‚Erinnerung‘ gedacht“ (Konzeptübersicht für den Begleitausschuss).

Für dieses Projekt haben sich zusammengefunden: die ev. Gemeinde Sankt-Petri, die Lauenburgische Gelehrtenschule, die Stadt Ratzeburg und die Dörfer Fredeburg, Ziethen und Kittlitz. An sieben Standorten sind Korbiniansapfelbäume gepflanzt worden. An jedem Standort wird seit dem Frühjahr 2021 mit zwei Schildern an die Unrechtszeit erinnert: Jeweils ein Schild soll die Erinnerung an Korbinian Aigner wachhalten und ein zweites Themenschild soll erinnern an das alltägliche Unrecht der Nazi-Zeit bzw. den Widerstand dagegen hier vor Ort.

Uta von Bassi, BUND

Der Korbinian-Apfel

Mit den an verschiedenen Orten gepflanzten Korbiniansapfel soll an Korbinian Aigner (1885-1966) erinnert werden, an einen Menschen, der in der NS-Zeit an seinem Recht auf freie Meinungsäußerung festhielt, der seine Überzeugungen auch öffentlich vertrat und deswegen mit dem Nazi-Regime in Konflikt geriet. Ursprünglich hieß der Korbiniansapfel „KZ 3“ – so hatte Aigner ihn getauft. Er verwies mit diesem Namen auf den Entstehungsort des Apfels, denn es war das Konzentrationslager Dachau, wo Aigner verbotenerweise Äpfel züchtete. Erst zu seinem 100. Geburtstag wurde KZ 3 in „Korbiniansapfel“ umbenannt.

Aigner, ein Bauernsohn eines großen Hofes und ältestes von 11 Kindern, entschied sich früh, das Erbe eines großen Hofes nicht anzutreten und stattdessen Pfarrer zu werden. Beharrlich verfolgte er sein Ziel, Theologie zu studieren, auch wenn ihm die alten Sprachen Latein und Griechisch nicht lagen. In seinen Zeugnissen werden ihm aber „erfreuliche Erfolge im Zeichnen“ bescheinigt.

Äpfel waren von jeher Korbinian Aigners Leidenschaft. Bereits in seiner Ausbildung zum Pfarrer gründete Aigner am Klerikalseminar in Freising 1908 einen Obstbauverein. Er hatte die Idee, dass die Landbevölkerung mehr Wissen über den Obstanbau erlangen sollte, um sich dadurch eine zusätzliche Einnahmequelle zu erschließen. Aigner zeichnete mit Hingabe hunderte von Apfel- und Birnensorten, die er zu Bestimmungszwecken in seinem Unterricht für den Obstbauverein einsetzte. Ein Beispiel für seine selbst angefertigten Bestimmungskarten ist die Nummer 600 hier auf dem Schild, sie zeigt KZ 3, den späteren Korbiniansapfel. Aigners Eifer für die Obstbäume trug ihm in seinem Abschlusszeugnis 1911 die Bemerkung ein: „Ist mehr Pomologe (Apfelkundler) als Theologe“. Auch in seiner Zeit als Hilfsgeistlicher (1911-1931) setzte er sein Engagement für den Obstbau fort und wieder hieß es tadelnd in einer Beurteilung: „Treibt mehr ‚Baumsorge‘ als Seelsorge“.

Erst 1931 erhielt er seine erste Pfarrstelle in Sittenbach. Aigner hatte bereits in den 1920er Jahren Reden Adolf Hitlers in München gehört und verabscheute dessen Meinungen zutiefst. Nach dessen Machtübernahme am 30.1.1933 kam es wiederholt zu Konflikten mit den Behörden, da er sich weigerte, auf NSDAP-Anordnung hin die Kirchenglocken zu läuten oder die Hakenkreuzfahne an der Kirche zu hissen. Es kam zu mehreren Verwarnungen wegen seiner regimekritischen Äußerungen im Religionsunterricht und in den Gottesdiensten. Schließlich wurde er 1936 in die kleine Gemeinde Hohenbercha strafversetzt. Auch dort engagierte er sich wieder im Obstbau und gewann schnell guten Kontakt zur Dorfbevölkerung.

Nach dem misslungenen Attentat auf Hitler am 8.11.1939 im Münchener Hofbräuhaus, das der Kunstschreiner Georg Elser beging, äußerte sich Aigner im Religionsunterricht verständnisvoll über dessen Motivation. Am 10.11.1939 wurde er verhaftet. Es folgten Untersuchungshaft, Verurteilung wegen „Beleidigung des Führers“, Gefängnis, dann Schutzhaft im KZ Sachsenhausen und am 3.10.1941 Verlegung ins KZ Dachau, in den sogenannten Priesterblock, in dem 2720 katholische Priester inhaftiert waren, die in der zum KZ gehörigen gärtnerischen Versuchsanstalt arbeiten mussten.

Die Hohenberchaer schickten ihrem Pfarrer Essenspakete, die auch Äpfel enthielten. Aus den Kernen züchtete er zwischen den Baracken kleine Äpfelbäumchen, die er auf geheimem Wege herausschmuggeln konnte und die bis nach Hohenbercha gelangten.

Am 26.4.1945 musste Aigner mit 7000 weiteren Inhaftierten einen Todesmarsch nach Südtirol antreten, am Starnberger See am 28.4. gelang ihm durch Hilfe von Anwohnern die Flucht. Er fand Aufnahme in einem Nonnenkloster und kehrte nur wenige Tage später nach Hohenbercha zurück, wo er ganz selbstverständlich seinen Dienst als Dorfpfarrer wieder aufnahm und bis zu seinem Tod versah. Er sprach kaum über seine Zeit in Gefangenschaft, führte aber einen Prozess, um eine Wiedergutmachung zu erlangen, die ihm aber erst 1954 gewährt wurde. Kurz vor seinem Tod übergab er der heutigen Technischen Universität München über 800 Karten seiner Apfel- und Birnenzeichnungen, damit das darin enthaltene Sortenwissen bewahrt würde, denn Aigner registrierte mit Sorge das Aussterben der regionalen Obstsorten.

Aigner starb am 5.10.1966 in Hohenbercha. Die Grabreden hielten zwei seiner Mitgefangenen aus dem Priesterblock des KZ Dachau, als letztes Zeichen an seine Nachwelt ließ er sich seinen KZ-Mantel mit ins Grab legen. Seit der Documenta 2012, auf der Aigners Obstbilder ausgestellt wurden, wächst seine Bekanntheit stetig. Der Korbiniansapfel gewinnt zunehmend symbolische Bedeutung und wandelt sich zu einem biologischen Mahnmal gegen Gewaltherrschaft und für Hoffnung und Demokratie.

Uta von Bassi, BUND

Ein Mahnmal gegen die nationalsozialistische Gewaltherrschaft im Herzogtum Lauenburg

Im Jahr 1944 waren in Schleswig-Holstein mehr als 130 000 ausländische Arbeitskräfte vielfach gegen ihren Willen aus den Kriegsgebieten zwangsrekrutiert oder als Kriegsgefangene auch auf lauenburgischen Gütern und Höfen oder in der Rüstungsindustrie eingesetzt. Vor allem die polnischen und sowjetischen Zwangsarbeiter- und -arbeiterinnen litten unter den rasseideologisch begründeten Erlassen und Verordnungen, die deren Ausgrenzung und Entrechtung im täglichen Leben prägten.

Leider gibt es kaum Dokumente und nur wenige Spuren, die diese Situation konkret aufzeigen und verdeutlichen können, wie einzelne Menschen in unserem Kreis aktiven oder passiven Widerstand gegen diese Maßnahmen der staatlichen Stellen gezeigt haben.

 

Anders ist hingegen die Quellensituation zu den im Kreis Herzogtum Lauenburg nachgewiesenen Verfahren zur Zwangssterilisation, da hier eine seltene Aktensammlung des Gesundheitsamtes im Kreisarchiv zur Verfügung steht. Auch wenn sich schon seit dem 19. Jahrhundert „rassehygienische“ Theorien verbreitet hatten, so stellt das von den Nationalsozialisten bereits 1933 beschlossene „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ eine neue gesetzliche Grundlage für die Zwangssterilisationen gegen den Willen der Betroffenen dar. Als Gründe für die Zwangssterilisation galten „angeborener Schwachsinn“, „Schizophrenie“, “zirkuläres manisch-depressives Irresein“, „erbliche Fallsucht“, „erbliche Blindheit“, „Taubheit“, „schwere erbliche körperliche Missbildung“ sowie „schwerer Alkoholismus“. Die Sterilisationen – und im Zuge dieser mehrere Schwangerschaftsabbrüche – erfolgten ohne Einwilligung der Betroffenen und brachten oft tödliche Folgen mit sich. Während insgesamt im Deutschen Reich von 300. 000 bis 400.000 Fällen ausgegangen wird, sind für unseren Kreis mit den vorliegenden Akten schon 427 Fälle dokumentiert, in denen das staatliche Gesundheitsamt im Kreis in Zusammenarbeit mit dem Erbgesundheitsamt in Lübeck die Entscheidungen über die Sterilisation traf, oft auf der Basis von Aussagen von Angehörigen, Lehrern und Ärzten und fragwürdigen Intelligenzprüfungen und Befragungen.

Das Unrecht, das all diesen Betroffenen widerfahren ist, wurde vielfach jedoch erst lange nach Ende der nationalistischen Gewaltherrschaft von der Bundesrepublik voll anerkannt.

Die hier vom BUND und Schülern und Schülern aus dem 10. Jahrgang der Lauenburgischen Gelehrtenschule gepflanzten Bäume erinnern an das Leid dieser Menschen, die in der Zeit der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft im Herzogtum Lauenburg entwürdigt und entrechtet wurden – an die vielen  Zwangsarbeiter- und arbeiterinnen, die in den Lagern in lauenburgischen Dörfern unter menschenunwürdigen Bedingungen leben und arbeiten mussten und an die über 400 Frauen und Männer, die hier im Kreise zwangssterilisiert wurden, weil sie nicht dem ideologischen Menschenbild der Nationalsozialisten entsprachen.

 

Projektberichte aus der 10Ea

Im Rahmen des vom BUND und der Stiftung  „Demokratie leben“ initiierten Projektes „Apfelbäume für Meinungsfreiheit und Erinnerung“ haben sich im Herbst 2020 Schüler*innen einer 10. Klasse unserer Schule vor allem mit den Themen „Zwangsarbeit“ und „Zwangssterilisation“ intensiv auseinandergesetzt. Ergebnisse der Recherchen, die dankenswerterweise von Frau Dr. Mührenberg vom Kreisarchiv unterstützt und begleitet, finden sich in den folgenden Projektberichten

 

Zwangsarbeit im Herzogtum Lauenburg

Im Allgemeinen wurden Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen von 1939-1945 eingesetzt.1944 erreichte die Zahl in Deutschland ihren Höchststand und lag bei ca. 7,6 Millionen Menschen.Von 1939 -1945 wurden mehr als 200.000 Zwangsarbeiter/innen in Schleswig-Holstein aus verschiedenen Staaten der heutigen EU eingesetzt.Es gab polnische Saisonarbeiter und alle sonstigen ausländischen Arbeitskräfte in Deutschland, welche als Fremdarbeiter bezeichnet wurden. Der allgemeine Begriff für ausländische Arbeitskräfte, egal ob freiwillig oder unter Zwang, war Zivilarbeit bzw. Zivilarbeiter. Unter Zwangsarbeitern versteht man unfreiwillig in Deutschland beschäftigte Zivilarbeiter, Kriegsgefangene oder KZ-Häftlinge. „Ostarbeiter“ war ein nationalsozialistischer Begriff für Arbeitskräfte aus den besetzten Gebieten der Sowjetunion. Die meisten Zwangsarbeiter kamen aus Polen und Osteuropa, aber auch aus Belgien, Frankreich und den Niederlanden und vielen anderen eroberten Gebieten. Zwangsarbeiter waren ein Mittel des Nazi-Regimes. Während des Krieges wurden nach und nach viele Männer zur Armee eingezogen, wodurch die bisher von ihnen besetzen Arbeitsplätze unbesetzt blieben. Statt diese Plätze mit Frauen zu belegen, wurden Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen aus den verschiedenen Kriegsgebieten zwangsrekrutiert. Rekrutiert wurden vor allem junge kräftige Menschen im Alter von 14 und älter. Transportiert wurden diese in Güter und Viehwaggons. Nach ihrer Ankunft in Deutschland wurden sie registriert und ihrem jeweiligen Betrieb zugeteilt.

1939 fand der Überfall auf Polen statt. Polnische Arbeitskräfte wurden angeworben und polnische Kriegsgefangene wurden eingesetzt. 1940 wurden die polnischen Zivilarbeiter im Deutschen Reich gekennzeichnet (8. März). Es begann die Zwangsrekrutierung in Polen. Daraufhin wurden auch in Westeuropa Arbeitskräfte angeworben und Kriegsgefangene aus Westeuropa eingesetzt. 1941 wurde klar, dass der Krieg länger dauern würde. Russische Arbeitskräfte im altsowjetischen Gebiet wurden angeworben und russische Kriegsgefangene wurden in Deutschland eingesetzt.1942 wurden die russischen Zivilarbeiter gekennzeichnet (20. Februar). Daraufhin begann die Zwangsrekrutierung in der Sowjetunion und Westeuropa. Die Phase der „freiwilligen Anwerbung“ endete im Frühjahr 1942, nachdem nicht die Erfolge erbracht worden waren, welche man sich erhofft hatte.

Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen verrichteten unterschiedlichste Arbeiten. Man setzte sie unter anderem in der Land- und Forstwirtschaft, der Industrie, der Kriegswirtschaft und Erdarbeiten ebenso wie in der Gastwirtschaft oder als Dienst- Haus- oder Kindermädchen ein. Die Arbeitsbedingungen hingen von der Größe des Betriebes ab. In kleineren Betrieben waren sie meist besser als in großen. Die Arbeit war oftmals gefährlich und wurde ohne Sicherheitsausrüstung ausgeübt. In Ratzeburg und Umgebung wurden ebenfalls Zwangsarbeiter eingesetzt. In der Schrangenstraße und Böterstraße waren z.B. zwei Zwangsarbeiter-Lager. Außerdem wurden im ganzen Kreis Herzogtum Lauenburg auf fast jedem landwirtschaftlichen Betrieb Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen eingesetzt.

Sie wurden meist sehr schlecht behandelt, um die Rassenideologie des Nationalsozialismus aufrecht zu erhalten. Unzureichende Ernährung, geringer Lohn und ständiger Hunger waren normal. Damit die Bevölkerung die Zwangsarbeiter nicht zu freundlich behandelte, wurden die sogenannten Polen- bzw. Ostarbeitererlasse erlassen.

Bei Bruch der Vorschriften gab es harte Strafen, wie zum Beispiel Einweisung in ein Konzentrations- oder Arbeitserziehungslager. Die Todesstrafe konnte ohne Gerichtsverhandlung verhängt werden.

Ein Projektbericht aus der 10Ea

Spuren in unserer Region

Die Muna in Mölln
Die Gedenkstätte auf dem Möllner Friedhof

Zwangssterilisation im Herzogtum Lauenburg